Gefühlswelten sichtbar machen – dank generativem Design
Wie wäre es, wenn wir unseren Emotionen mithilfe eines Tools systematisch nachgehen und sie visualisieren könnten? Für ihre Bachelorarbeit im Bereich Mediadesign haben sich die Designerinnen Mona Kerntke und Anna Lea Trumpetter dieser Aufgabe ...
Wie wäre es, wenn wir unseren Emotionen mithilfe eines Tools systematisch nachgehen und sie visualisieren könnten? Für ihre Bachelorarbeit im Bereich Mediadesign haben sich die Designerinnen Mona Kerntke und Anna Lea Trumpetter dieser Aufgabe gestellt.
Mediadesign Hochschule München. Wir reden häufig von einem »Einblick in die Gefühlswelt« und meinen damit selten ein genaues Bild. Stattdessen drücken wir unsere Gefühlswelt eher diffus in Worten, mit Blicken, Taten oder durchaus auch mal in gemalten Bildern aus – selten bewusst und umso öfter unbewusst. Die Reflexion der eigenen Emotionen kommt in unserem schnelllebigen Alltag oft zu kurz, denn sie erfordert Zeit und Mühe.
Aber wie wäre es, wenn wir unseren Emotionen mithilfe eines Tools systematisch nachgehen und sie visualisieren könnten?
Für ihre Bachelorarbeit im Bereich Mediadesign haben sich die Designerinnen Mona Kerntke und Anna Lea Trumpetter dieser schönen und vielschichtigen Aufgabe gewidmet und mit »Moodbox« eine Anwendung geschaffen, mit der sich eigene, bisher verborgene Gefühle erforschen und grafisch sichtbar machen lassen. Das Herzstück ihrer Arbeit ist ein Konfigurator, der auf der Grundlage von Nutzungsinteraktionen individuelle Stimmungsbilder erzeugt. Userinnen und User werden durch einen dreiteiligen Fragebogen geleitet, um ihre Emotionen des Tages und deren Intensitäten zu bestimmen. Mithilfe der Antworten und durch ein vorher festgelegtes Regelwerk entstehen per generativem Design (p5.js) faszinierende und vor allem individuelle Grafiken. Die einzelnen Emotionen haben Mona Kerntke und Anna Lea Trumpetter vorab charakterisiert und anschließend in eine grafische Formen- und Farbsprache übersetzt.
Als Grundlage für die visuelle Charakterisierung von Emotionen konzentrierten sich die beiden vor allem auf die Farben- und Formenlehre von Robert Plutchik und sein »Rad der Emotionen«. Darauf folgte die Ausarbeitung eines Designsystems, um die Emotionen zu vereinen und individuelle Stimmungsbilder zu generieren. Die visuelle Formensprache orientiert sich an Parametern wie rund oder spitz, laut oder leise, eng oder weit und gibt neben der Grundemotion auch deren jeweilige Intensität wieder. Jedem Gefühl wurde eine Kombination aus zwei Farben zugeordnet – im finalen Stimmungsabbild ist allerdings nur die Farbgebung der Emotion mit der höchsten Priorität sichtbar.
»Bis zur finalen Umsetzung haben wir uns vier Monate intensiv mit Emotionen und der Formen- und Farbwahrnehmung beschäftigt«, erklären die Designerinnen. »Wie Kandinsky sagte: ›Emotionen sind nicht nur das Ziel der Kunst, sondern auch
ihre Quelle‹«. Trotzdem wurden rein ästhetische Entscheidungen größtenteils vermieden. In einer Zeit, in der das Verständnis und die Anerkennung von emotionaler Gesundheit immer wichtiger wird, sei die Untersuchung von Emotionen in vielen Bereichen in den Vordergrund gerückt, erläutern Kerntke und Trumpetter. »Wir wollen nicht nur ästhetisch ansprechende gestalterische Lösungen entwickeln, sondern auch solche, die einen tieferen Sinn und eine klare Botschaft vermitteln.«
Trotz der hilfreichen Systematik kann den Anwender:innen eine Herausforderung nicht abgenommen werden: sich intensiv
mit den eigenen Gefühlen des Tages auseinanderzusetzen. »Die Moodbox ist ein experimenteller Versuch, der den Nutzer:innen die Reflexion und Kommunikation ihrer Emotionen nur erleichtert«, ergänzen die beiden. »Aber es macht auch einfach Spaß, die Möglichkeiten dieses visuellen Systems auszutesten!«
Dieser Beitrag ist erstmals in PAGE Magazin No. 2 erschienen: